Ich hatte neulich ein recht interessantes Gespräch mit meinem Dad über die aktuellen Bildungsstreiks. Er war der Meinung, dass es vor 30 Jahren so was wie Studiengebühren nicht gegeben hätte. Damals sind die Studenten wegen ganz andere Sachen auf die Straße gegangen und bei Gebühren fürs Lernen hätten diese Straßen gebrannt.
Ich pflichte ihm da bei, auch wenn ich das nicht beurteilen kann.
Allerdings stehe ich den heutigen Protestaktionen auch eher skeptisch gegenüber, da ich deren Auswirkung für eher gering halte und viele der Forderungen einfach schwachsinnig finde. Jemand meinte mal „Ich möchte das studieren was ich will, wo ich’s will, wie ich’s will und so lange ich will!“ Die ersten zwei Punkte unterschreibe ich sofort! Den dritten Punkt nicht unbedingt, weil es nun mal Standardfächer vorhanden sein müssen, wobei es momentan einfach ein paar viele sind. Dem vierten Punkt widerspreche ich jedoch vehement!
Klar ist das Studentenleben cool. Man kann sich entscheiden zuhause zu bleiben, wenn man will, ist (je nach Studienrichtung und –Fortschritt) recht wenig in der Uni und kann häufig mal richtig einen drauf machen und dann verkatert in der Vorlesung sitzen. Ich würde das auch gerne noch etwas länger machen… da liegt allerdings auch die Krux!
Irgendwann müssen wir von der Uni in die wirkliche Arbeitswelt. Und wenn ich mich im Alter von 35 Jahren irgendwo bewerbe und in meinem Leben nix anderes als Uni und nen paar Nebenjobs stehen habe ist das… eher unvorteilhaft! Und es gibt einfach ein paar Studis, die einfach unendlich lange studieren würden, wenn sie nur könnten. Etwas Druck muss halt gemacht werden.
Die Bundesregierung wählte dazu die Studiengebühren. Ne Scheißidee, ganz klar, vor allem weil man auch andere Konzepte hätte nehmen können. Meine Freundin fände es z.B. besser, wenn man praktisch nur für die Semester über die Regelstudienzeit hinaus bezahlen müsste und ich pflichte ihr da bei!
Dennoch bin ich nicht so ein wütender Feind der Studiengebühren wie es viele meiner Mitstudenten sind. Denn ich sehe da Folgendes:
Der Staat hat in den letzten Jahren eine sehr große Menge Geld für die Rettung seiner Wirtschaft ausgegeben, welche ins Wanken geraten ist, weil irgendwelche Heinis Mist gebaut haben und dies inzwischen auch wieder mit Freude tun. Dadurch is nen riesiger Haufen Kohle verbrannt worden. Weg!
Der Staat hat seine Ausgaben über höhere Verschuldungen finanziert. Sprich: Wir sind noch mehr pleite als sonst! Und das will der Staat bestimmt ändern.
Ich vermute mal, dass der Staat bestimmt auch wieder bei den Unis den Geldhahn weiter zuziehen wird, wodurch die Bedeutung der Studiengebühren für unsere Bildung weiter zu nehmen wird.
Dennoch finde ich es scheiße, dass ich für etwas, was dieses Land groß gemacht hat (die Bildung) Geld zahlen muss! Nur damit das klar ist: Ich bin kein Freund der Studiengebühren, ich versuche sie nur zu verstehen!
Auf ner ganz anderen Seite, finde ich die Art und Weise wie gestreikt wird auch irgendwie seltsam. Alleine das Wort „Bildungsstreik“ ist lachhaft! Die Aussage die dahinter steht ist: Ich lerne nicht für eine Klausur, welche am Ende des Semesters so oder so auf mich wartet, um den Leuten zu zeigen dass mir meine Zukunft Bildung wichtig ist!
Hallo! Studenten sind keine Angestellten eines Unternehmens, die irgendwelche Dienstleistungen erbringen, mit denen dieses Gewinne macht! Studenten sind eher Kunden! Diese könnten mit einem Konsumstopp Druck auf die Unis ausüben. Allerdings ist ein Bildungsstreik kein Konsumstopp… denn die Studiengebühren werden trotzdem gezahlt. Das ist ungefähr so, als würden die Abonnenten einer Zeitung diese dadurch bestreiken, dass sie die tägliche Ausgabe immer sofort ins Altpapier werfen würden.
Jetzt werden einige natürlich sagen: „Okay Jonsey, was schlägst du denn vor?“
Und ich würde sagen: „Öhh… keine Ahnung!“
Denn wir Studenten haben nicht wirklich viele Hebel die wir drücken können. Wenn wir nicht lernen, schlägt sich das in unseren Noten wieder, womit wir uns in den eigenen Schwanz beißen.
Die Hörsäle und Unis zu besetzen geht in die richtige Richtung, stört aber zu wenig Leute extern, wodurch sämtliche Informationen über die Streiks nur durch die Medien publik werden. Und alles im Fernsehen und in den Zeitungen steht ist nicht so real wie das, was mir in der wirklichen Welt passiert.
Außerdem, wie gesagt, sehe ich den Studenten als Kunden an, also bin auch ich, der für seine Ausbildung zahlt. Und wenn ich mich nicht aus freien Stücken dazu entschlossen habe, zu streiken, will ich erst recht nicht dazu gezwungen werden! Man könnte meinen, dann würde aus Bildungsstreik Bildungsraub. Aber das ist ein anderes Thema.
Was ich als effektiv empfinden würde, wären Aktionen, welche die Innenstädte lahmlegen. Natürlich aber friedlich bleiben! So denke ich, dass man bestimmt ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit erlangen würde, wenn man während der Rushhour wichtige Verkehrsknotenpunkte mit Sitzstreiks lahm legen würde. Vier bis Fünf dieser Aktionen würden die Pressewirkung von einer wochenlangen Belagerung eines Hörsaales bringen. Aber (um den BND-Beamten der diese Zeilen liest zu beruhigen) sehe bei einer solchen Aktion auch viele Nachteile, weshalb ich bei so was auch nicht mitmachen würde.
Unter anderem besteht bei einer solchen Aktion, egal wie friedlich sie auch geplant gewesen mag, immer die Gefahr, dass sich radikalere Elemente unter die Demonstrierenden mischen, einfach nur der Protestes und nicht der Sache wegen. Durch solche Spackos würde die ganze Sache schnell entgleiten, wodurch es zu negativer PR für die Sache kommt.
Zusammenfassend kann man sagen:
Ich verstehe warum gestreikt wird, stimme aber nicht mit allen Forderungen überein. Bin aber der Meinung, dass so wie gestreikt wird kaum Erfolge erzielt werden. Ich weiß aber auch, dass wir nicht viele Alternativen haben, ohne radikal zu werden, wo ich aber strikt gegen bin.
Scheißsituation halt.
Jetzt weiß der geneigte Leser, wie ich zu der Bildungssituation im Lande stehe. Oder besser er weiß, dass ich keines der Lager (Demonstranten vs. Politik) im Recht sehe!
Stehe für Diskussionen in den Comments immer gerne zur Verfügung.